Christoph Kloft

Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, liebe Usch!

Nun hältst du meinem Vhs-Kurs „Literarisches Schreiben“ schon so lange die Treue, und deshalb habe ich mir für den heutigen Tag eine kleine Überraschung überlegt: Ich habe die anderen Teilnehmer unseres Kurses gebeten, jeweils eine Geschichte für dich zu schreiben. Dieser Bitte sind sie sehr gerne nachgekommen – die Ergebnisse findest du auf dieser Seite.

Wir sind froh, dich dabeizuhaben und hoffen, dass du uns noch ganz lange erhalten bleibst!

Viel Spaß beim Lesen!

Dein

Christoph

(Kursleiter)

Nadine Laux

Der Knabberkeks und die Hexe

Er ist Paul, der Knabberkeks, und sie ist Paula, die Hexe. Eigentlich dürfte er gar nicht lebendig

sein oder sich bewegen können. Denn er ist nur ein kleiner gebackener goldbrauner Keks aus

Buttergebäck.

Paul selbst weiß nicht, wie er lebendig wurde. Vermutlich wurde er im Haushalt der Hexe

gebacken, bevor ein Zauberspruch daneben ging und ihn zum Leben erweckte.

Woran sich Paul aber erinnern kann, ist die Zeit mit der Hexe. Als er das erste Mal die Augen

aufschlägt, steht sie über ihm und hat Tränen der Freude in den Augen. Die Hexe ist so

fasziniert von ihrem lebendigen Keks, dass sie ihn unter einer Glasglocke auf die Fensterbank

stellt, damit alle, die vorbei kommen, ihn bewundern können.

Am Anfang winkt Paul noch zurück und freut sich über die Aufmerksamkeit. Er muss ja wirklich

etwas Besonderes sein, wenn die Menschen "Schau mal, ein lebendiger Keks!" oder "So was

hab ich ja noch nie gesehen!" rufen.

Doch der Keks ist damit nicht auf Dauer glücklich. Er langweilt sich, kann er sich doch nicht viel

bewegen. Und wenn die Sonne in das Fenster scheint, wird ihm furchtbar heiß. Dafür hat die

Hexe ihm einen kleinen Hut genäht, den er gerne trägt.

Leute, die vorbei spazieren, klopfen mit dem Finger gegen das Glas und erschrecken ihn. Aber

am schlimmsten sind die Vögel. Vor allem die Raben. Die setzen sich gerne auf den Baum vor

dem Fenster oder auf das Fensterbrett, um ihn zu beobachten.

Sie hätten Paul sicher gerne angeknabbert, mögen sie doch Teig und Kekse sehr gerne. In

solchen Momenten ist der Knabberkeks dann wieder froh, unter der Glasglocke sicher zu sein.

Eines Tages, es ist ein stürmischer Morgen im Frühling, steht er wieder auf dem Fensterbrett.

Paula ist gerade aus dem Wald mit einem Beutel voller unbekannter Kräuter zurückgekommen,

die sie direkt für ein neues Rezept ausprobieren will. Sie singt und schnibbelt vor sich hin, hält

immer wieder kurz inne, um ihr Werk umzurühren.

Knabberkeks Paul hat dabei kein gutes Gefühl. Denn meistens gehen solche spontanen

Kochversuche schief.

Er hat schon oft versucht, sie davon abzubringen. Aber Paula antwortet dann immer: "Paul,

wenn ich nicht spontan gezaubert hätte, wärst du jetzt gar nicht da. Und neue Rezepte kann

man ja erst durch Ausprobieren herausfinden." Dann schwingt sie voller Tatendrang ihren

hölzernen Löffel und grinst Paul voller Tatendrang an.

Die Hexe Paula hat mittlerweile einen großen Kessel voll stinkenden Eintopfs angerührt.

Wir müssen ehrlich sein. Paula ist wahrlich keine gute Hexe.

Ihr selbst gekochtes Essen schüttet sie meist weg, weil es ungenießbar ist. Dann schimpft sie

und rauft sich die schwarzen Haare. Meistens bekleckert sie sich bei ihren Kochversuchen auch

noch so sehr, dass sie von oben bis unten dreckig ist.

Und nicht selten kommt es zu kleine Unfällen in der Küche. Dann explodiert der ganze Kessel

und der Inhalt des verteilt sich im gesamten Raum an Wänden und Böden. Oder eine

übelriechende Wolke aus stinkendem grünen Raum schwebt stundenlang durch die Räume.

Doch der Zauberspruch im Anschluss an ihre Kochversuche macht es auch nicht wirklich

besser. Denn statt dass der verzauberte Lappen den Dreck aufwischt, werden die Flecken noch

mehr verteilt. Dann stemmt sie die Hände in die Hüften und murmelt Flüche vor sich hin, die

niemand versteht.

So auch heute. Die stinkende Flüssigkeit hat nach und nach eine ungesunde Farbe

angenommen. Paula rührt und rührt mit dem schweren großen Holzlöffel in der blubbernden

Masse herum. Doch die Farbe und der Geruch wollen einfach nicht besser werden. Paula wirkt

weitere Gewürze und glänzendes Pulver in den großen Kessel.

Plötzlich fängt dieser an zu wackeln und schwingt hin und her. Brummelnd treten große

Blubberblasen aus und schwappen über den Rand.

Paula ist sehr überrascht und legt das Rührgerät beiseite. Vorsichtig geht sie mit dem Kopf

näher über den Kessel und schnuppert.

In diesem Moment macht es PUFF und eine dunkle Rauchwolke steigt nach oben. Paulas

ganzer Kopf, die Haare und Hände sind schwarz. Was aber noch viel schlimmer ist, ist der

Gestank, der sich in der gesamten Küche ausbreitet. Dabei entsteht ein Windstoß, der das

Fenster zuschlägt.

Paul spürt einen Ruck und stürzt mit dem Glas von der Fensterbank. Als er auf den Boden fällt,

zerspringt das Glas in hunderte kleiner Scherben.

Zum Glück hat er sich nicht weh getan. Lediglich eine seiner Knusperecken ist angeknackst.

Er richtet sich auf, schüttelt die kleinen Splitter von seinem Körper und setzt sich den roten Hut

auf, den er beim Sturz verloren hat. Paula schaut sich um.

Überall auf dem Boden ist die stinkende grüne Masse verteilt. Vor ihm türmt sich riesengroß der

schwarze Kessel auf, in dem Paula wieder einmal etwas Unbekanntes gebraut hat.

Vorsichtig geht er um den Kessel herum und passt auf, nicht aus Versehen in einen der grünen

Stinkhaufen zu treten. Doch Paula kann er nirgendwo entdecken.

"Wo ist sie hin?", fragt er sich und sucht die Decke ab. Vielleicht ist sie durch den Windstoß

dorthin geschleudert worden.

Aber an den Balken hängen nur zum Trocknen aufgehängte Kräuter und staubige Spinnweben.

Er entdeckt die alte Spinne, die schon seit Jahren in der Ecke hinter dem Ofen haust und ruft:

"Hast du Paula gesehen? Wo ist sie hin?"

Die Spinne lacht und antwortet kichernd mit hoher Stimme: "Kannst du sie nicht sehen? Sie sitzt

doch da hinten hinter dem Stuhl! Hihihi... So kann sie wenigstens nichts mehr kochen, was mir

die Fliegen von meinem Spinnennetz fern hält. Hihihi."

Die Spinne dreht sich auf ihrem Netz herum und beginnt sogleich, es zu vergrößern. Der kleine

Knabberkeks ist irritiert, denn Paula ist viel größer als er. Warum sollte sie sich unter dem Stuhl

verstecken? Das passt doch gar nicht.

Aber dann erkennt er, warum die Spinne so lachte und wird traurig.

Paula sitzt weinend und schluchzend unter dem Küchenstuhl. Scheinbar der einzige Platz im

Raum, der nicht von widerlichem Schleim bekleckert ist. Ihr kullern große runde Tränen über

das Gesicht.

Sie ist geschrumpft. Gerade nur noch so groß wie Paul, der Keks.

Schnell läuft er zu ihr hin, und möchte sie trösten.

Sie war ja immer nett zu ihm gewesen und hat ihm sogar für die Sonne diesen schönen roten

Samthut genäht. Doch Paula ist wirklich sehr traurig.

"Ach Paul.", schluchzt sie, "jetzt habe ich es richtig vermasselt. Hätte ich doch nur auf dich

gehört. Jetzt kann ich nicht mal mehr in meinem Haus leben. Alles ist viel zu groß und niemand

sieht mich. Ich will nicht so klein sein."

Paul setzt sich neben sie und legt den Arm um ihre Schulter.

"Was ist denn so schlimm daran, klein zu sein? Du siehst doch viel mehr von der Welt, als wenn

du groß wärst. Zum Beispiel siehst du die ganzen kleinen Lebewesen viel besser und kannst

dich an viel mehr Orten verstecken. Die Tiere haben keine Angst vor dir, weil du nicht mehr so

groß bist. Und vielleicht ist ein Fuchs oder Reh so nett und nimmt dich sogar auf dem Rücken

mit. Das alles kannst du nur erleben, wenn du so klein bist wie ich."

Die kleine Hexe seufzt und zieht ein großes mit Flicken besticktes Taschentuch aus der

Schürze. Dann schnäuzt sie herzhaft hinein und schaut Paul an.

Dieser streicht Paula über den Rücken und spricht weiter: „Und abgesehen davon ist es

wahrscheinlich auch besser, wenn du nicht mehr an deinen Kessel kommst. Deine Rezepte und

Suppen waren wirklich ungenießbar und widerlich."Dabei lächelt er Paula an und verzieht das

Gesicht zu einer angewiderten Grimasse.

Da muss sogar die Hexe lachen. "Das ist wahr, Paul.", stimmt sie ihm zu. "Ich hätte das Ganze

wirklich sein lassen sollen. Ich kann es eben einfach nicht.", kichert sie und schnäuzt noch

einmal lautstark in ihr Taschentuch.

Dann dann schaut sie traurig auf und fragt den Keks leise: "Aber was sollen wir denn jetzt

machen? Die anderen lachen mich aus, wenn sie herausfinden, das ich mich selbst aus

Versehen geschrumpft habe. Und hier wohnen kann ich auch nicht mehr."

Der Knabberkeks hat schon eine gute Idee. Er springt auf und rennt zurück zu seinem Fenster.

Paula schaut ihm fragend hinterher.

Kurze Zeit später ist er wieder da, hat Stoff, Nadel und Faden besorgt.

Aufgeregt hüpft er vor ihr auf und ab. "Wir nähen uns jetzt Taschen und Rucksäcke und dann

erkunden wir die Welt. Schon viel zu lange sitze ich auf der Fensterbank und schaue dabei zu,

wie die Welt sich verändert."

Hexe Paula überlegt kurz und nimmt dem Keks die Sachen aus der Hand. "Einverstanden. Wir

erkunden die Welt gemeinsam. So klein wie wir sind, so groß wird die Welt sein. Ich bin froh,

dass du mein Freund bist, auch wenn ich dich die ganze Zeit in das Glas gesperrt habe.",

spricht Paula nachdenklich und beginnt, aus dem Stoff für sich und Paul kleine handliche

Taschen zu nähen.

Paul tippt sich lachend an den Hut: "So konnten die gefräßigen Raben mich wenigstens nicht

vernaschen. Und es war doch immer lustig bei dir."

Er beginnt, Lebensmittel und Decken für ihre gemeinsame Reise zusammen zu suchen, Als

Decke nimmt er ein kleines Küchentuch mit, das hat nun die richtige Größe.

Um die beiden vor Regen zu schützen, holt er einen alten verbogenen Löffel. Aus einem Faden

und einem Holzspan fertigt er sich eine kleine Angel.

Nach kurzer Zeit ist auch Paula mit den beiden Rucksäcken fertig. Schön sind sie geworden.

Und alles, was der Keks zusammengesucht hat, passt hinein.

Gemeinsam quetschen sie sich durch einen Spalt an der Haustür, denn diese können sie nicht

öffnen. Dafür sind sie zu klein.

Als sie das Haus verlassen, hören sie hinter sich noch die Spinne lachen. Doch das ist ihnen

egal. Sie freuen sich darauf, nun die Welt zu erkunden.

Gemeinsam, Hand in Hand.

Und auch, wenn beide nicht unterschiedlicher sein könnten, so haben sie doch eines

gemeinsam:  Zusammen haben die beiden Kleinen ein großes Ziel: Die Welt zu entdecken.

Frank Kaczmarek

Es war im September 2023 ...

Das Jahr 2022 hörte für mich auf wie jedes andere. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich

die guten Vorsätze des Vorjahres allesamt nicht umsetzen konnte. So nahm ich mir

beispielsweise vor, weniger zu rauchen, stattdessen qualmte ich mehr als je zuvor, ich wollte

abnehmen, doch die Waage kannte kein Erbarmen und die Anzeige riss eine Marke, die vor

Jahren nicht vorstellbar gewesen wäre. Also setzte ich mir für 2023 das Ziel, da tatsächlich alles

im exakten Gegenteil endete, zu verarmen.

Die Monate plätscherten ereignislos dahin und endlich las ich im Wochenblatt, dass die VHS

eine Weiterführung des Kurses „kreatives Schreiben“ anbot. An dieser Kursreihe nahm ich in der

Vergangenheit mit großer Freude teil, hat sie mir doch ein neues Hobby eröffnet. Der Kurs sollte

im September beginnen und je näher der Tag heranrückte, desto aufgeregter, im positiven Sinn,

wurde ich. Um so erstaunlicher erschien es wohl möglich Außenstehenden, dass ich am herbei

ersehnten Tag nachmittags entspannt auf der Terrasse saß, im Tabakrauch schwelgte, einen

großen Pott Kaffee trank, dazu viel zu viele Kekse knabberte und meinen Gedanken, die so gar

nichts mit dem bevorstehenden Ereignis zu tun hatten, nachging.

„Es ist gleich fünf, du sitzt hier rum als hättest du nichts vor. Du willst dich bestimmt vorher noch

etwas frisch machen. Auf was wartest du?“ Wie mit einem Donnerschlag riss mich meine Frau

aus meinen Tagträumen.

„Irenchen, es ist noch jede Menge Zeit und frisch machen muss ich mich nicht. Ich habe heute

morgen geduscht und nehme ein 72-Stunden Deo, das muss reichen. Oder habe ich meinen

engsten Freund, Axel Schweiß, im Schlepptau?“

„Das wäre ja noch schöner, wenn du müffeln würdest. Das mit dem 72-Stunden-Deo solltest du

lassen, bringt überhaupt nichts - nebenbei bemerkt. Nur ein unvernünftiger Mensch benutzt so

etwas.“

„Ich benutzte es, weil es Geld spart, Punkt. Bin ich in deinen Augen ein unvernünftiger

Mensch?“

„Wenn ich dich hin und wieder reden höre, will ich jetzt nicht unbedingt widersprechen. So, und

in diesen alten Klamotten gehst du mir auch nicht aus dem Haus.“

„Irenchen, du sprichst mit mir, als sei ich ein kleiner Junge. Auf gar keinen Fall ziehe ich etwas

anderes an. Meine Sachen sind sauber und nicht kaputt. Vielleicht etwas abgetragen und nicht

mehr der letzte Schrei. Zum Mitschreiben, mein Schatz: Heute am späten Nachmittag findet die

Fortsetzung unseres VHS-Kurses „Kreatives Schreiben“ und keine Modenschau statt. Wem es

nicht gefällt wie ich gekleidet bin, der muss wegsehen. So einfach ist das.“

„Komm schon, jetzt sei nicht so stur und tu mir persönlich den Gefallen. Ich leg dir was raus,

okay?“

„Aber nur weil du es bist und unter schärfstem Protest.“, rief ich meiner Frau hinterher, die

schon auf dem Weg zum Kleiderschrank war, ohne meine Antwort abzuwarten.

Ausgerechnet in dem Moment, als ich mir noch schnell eine Zigarette anstecken wollte, rief

Irenchen, dass sie mir ein Hemd und eine Hose aufs Bett gelegt hätte und ich sollte dazu die

neuen Sommerschuhe anziehen, die wir im vergangenen Jahr im Ausverkauf erstanden haben.

Nie fand ich die richtige Gelegenheit, sie zu tragen und an diesem Tag sollte ich mir also Blasen

laufen. Irenchen musste doch wissen, wie empfindlich meine Füße auf neue Schuhe reagierten.

Mit hängendem Kopf und schlecht gelaunt verzog ich mich ins Schlafzimmer, um mich zu

verkleiden. Jawohl, verkleiden - genau so kam es mir vor.

„Irenchen, ich weiß wirklich nicht, warum ich das hier anziehen muss. Weißt du wie ich mir

vorkomme? Wie ein Mann in der Midlifecrisis - blieb mir Gott sei Dank erspart. Diese Männer

ziehen sich bunt wie Gockel und jugendlich wie Diskogänger an und meinen, dadurch ihr Alter

verschleiern zu können. Ich habe das nicht nötig, mein Schatz, und komme mir in diesem

Aufzug richtig blöd vor.“, formulierte ich meine Gedanken vorsichtig, als ich aus dem

Schlafzimmer kam.

„Du bist aber auch bunt wie ein Paradiesvogel, mit dem blauen Polo-Shirt und der

Sommerhose. Vor allem die hellbraunen Schuhe, für den Diskobesuch prädestiniert, sind das

Tüpfelchen auf dem i.“, spottete Irenchen. Mir war es mittlerweile zu blöd, darauf zu antworten.

„Bevor ich fahre, die Klamotten, die ich gerade anhatte sind noch sauber, die kommen nicht in

die Wäsche. Dadurch wird nur das Gewebe abgenutzt und die Haltbarkeit deutlich

herabgesetzt. So, ich mach mich auf den Weg. Wo ist mein Autoschlüssel? Verflixt und

zugenäht! Nie liegt in diesem Haus etwas dort, wo ich es hingelegt habe.“

„Sieh am Schlüsselbrett nach.“

„Nein, da kann er nicht sein. Ich lege ihn immer hier in die Schale auf dem Schränkchen neben

der Eingangstür. Wo ist sie überhaupt?“

“Ich weiß nicht was du meinst.“

„Die Schale. Sie ist weg und somit auch mein Schlüsselbund.“

„Die Schale ist nicht weg, ich habe sie in die Spülmaschine gesteckt, weil sie verstaubt und

übersät mit Fingerabdrücken ist.“

„Und mein Schlüssel?“

„Hängt am Schlüsselbrett, habe ich dir doch gesagt.“

„Nein, das hast du nicht, du sagtest, dass ich dort nachsehen soll. Aber okay, ich habe jetzt

keine Zeit für eine Grundsatzdiskussion, sonst komme ich zu spät.“

Kurz vor sechs war ich an der Heinrich-Roth-Schule, erwischte knapp den letzten Parkplatz und

sah mit einer gewissen Schadensfreude im Rückspiegel, wie ein anderer Fahrer sich ärgerte,

weil ich ihm zuvor kam. Im Laufschritt machte ich mich auf den Weg zum Schulgebäude. Genau

wie beim letzten Kurs stand ich im Eingangsbereich des Gebäudes und wusste nicht, wie ich

den Kursraum finden sollte.

„Wenn mir dieser Architekt, der für diesen Mist verantwortlich ist, mal über den Weg läuft, der

kann sich was anhören. Eine Treppe rauf, eine halbe Treppe runter, dann links, dann rechts und

wieder eine Treppe ... Soll wahrscheinlich die kognitiven Fähigkeiten der Schüler stärken. Die

sollen ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen und ihre Telefone zuhause

lassen, dann kommt die Kognition von ganz alleine. Wir haben damals Quartett gespielt, das

schärfte die Sinne. Der Beamtenfurz, der diesen Quatsch genehmigt hat, den sollte man in die

Wüste schicken, ich komme mir gerade vor wie Indiana Jones in unerforschtem Gebiet, der

darauf wartet, dass eine Horde Wilder sich ihm in den Weg stellt ...“ Ich schimpfte wie ein

Rohrspatz und fand in letzter Sekunde, bevor das Event begann, den Raum.

Wie üblich bei derartigen Veranstaltungen, warum auch immer, blieb die erste Reihe unbesetzt,

was mich nicht daran hinderte, dort Platz zu nehmen. Unser Kursleiter Christoph eröffnete den

Abend, begrüßte die Teilnehmer und erklärte gut verständlich, was er unter kreativem Schreiben

verstand. Anschließend bat er um eine kurze Vorstellungsrunde. Als Erster stellte ich mich den

Anwesenden vor, sagte dass ich Rentner sei, zum wiederholten Male den Kurs besuche, weil

ich hier den Spaß am Schreiben für mich entdeckt habe. Der Nächste, der sich der Gruppe

bekannt machte, war Aldo. Ein Opernsänger und Schauspiellehrer mit einer Affinität zur

Literatur, schreibbegeistert und genau wie ich ein Wiederholungstäter. Wenn Aldo seine

Geschichten vortrug, hingen wir alle gebannt an seinen Lippen. Das lag vor allem an seiner

professionellen Art, mit seiner markanten Stimme vorzutragen, aber nicht zuletzt an seinen

interessant geschriebenen Texten. Dann stellte sich mit ein wenig Zurückhaltung, was sehr

angenehm bei mir ankam, Elvi vor. Sie wollte einfach nur mal ausprobieren, ob ihr das

Schreiben liegt und wohin der Weg sie führen wird. Dann war Usch an der Reihe. Ohne konkret

ihr Alter zu verraten sagte sie uns, dass sie vermutlich die älteste Kursteilnehmerin sei und sie

kleine Geschichten schreiben möchte, um sie ihren Freundinnen bei ihren regelmäßigen Treffen

vorzutragen. Ein toller und überraschender Ansatz, dachte ich. Die weiteren Teilnehmer waren

mir nicht mehr so sehr in Erinnerung, dass ich sie skizzieren könnte, sie haben den Kurs aus

persönlichen und nachvollziehbaren Gründen auch abgebrochen.

Die Zeit verging wie im Flug und zum Schluss gab Christoph uns als freiwillige Aufgabe mit nach

Hause, für das nächste Mal eine humorvolle Geschichte zu schreiben.

Eine Woche später trafen wir uns erneut. Das Labyrinth der Schulflure hatte ich immer noch

nicht durchschaut, konnte mich allerdings einer Kursteilnehmerin anschließen, die sich gut

auskannte. Ein Text nach dem anderen wurde vorgetragen, und ich konnte beobachten, dass

die Arbeiten unisono gut ankamen. Zum Schluss war Usch an der Reihe. Sie beschrieb in ihrer

Geschichte eine von ihr real erlebte Situation, in der ein junger Mann mit einer Behinderung,

ohne es zu wollen, durch sein Verhalten Verwirrung und Aufregung stiftete. Im Anschluss an

Uschs Vortrag fragte Christoph, wie er es bei allen anderen auch machte, was die Gruppe von

dem Text hielt. Allgemein fand der kreative Ansatz ihrer Geschichte eine positive Resonanz. Als

ich als Letzter nach meiner Meinung gefragt wurde sagte ich:

„Eine schöne Schreibübung.“

„Was heißt denn Schreibübung?“, reagierte Usch verärgert.

„Na ja, du hast gut formuliert, aber für mich war das nicht lustig“, entgegnete ich forsch. Das

hätte ich anders formulieren sollen, denn als Usch mich ansah, stellte ich sofort eine Parallele

zu Irenchen fest, die mich mit dem gleichen Blick strafte, wenn ich mich aus ihrer Sicht daneben

benommen hatte.

Zerknirscht und verärgert über meinen Fauxpas kam ich nach Hause. Meine Frau sah mir an,

dass etwas schief gelaufen war, und so musste ich in allen Einzelheiten von dem Abend

berichten und ich erzählte ihr auch, dass Usch einen Behinderten zur Hauptfigur ihrer Arbeit

machte.

„Irenchen, mal unter uns, es gehört sich doch nicht, einen bedauernswerten Menschen zum

Thema einer lustigen Geschichte zu machen.“

„Warum denn nicht? Hast du schon mal etwas von Inklusion gehört, davon dass Menschen mit

Beeinträchtigungen am Leben mit uns „Normalos“ teilhaben und integriert werden sollen? Diese

Gruppe gehört zu uns und ist eine Bereicherung für uns alle. Wo erlebst du heutzutage

Spontanität, wenn es darum geht seinen Mitmenschen auf ihre Art und Weise einen Gefallen zu

tun oder zu helfen? Wie sie es machen, steht auf einem ganz anderen Blatt und zählt auch

nicht. Wer zeigt noch offen, wenn er jemanden sympathisch findet? Wir trauen uns das nicht,

verstehst du, was ich meine? Dabei könnten wir von diesen Menschen so viel lernen. Hat nicht

einmal ein Minister sinngemäß gesagt, ich glaube, es war der Blüm: „Auch Behinderte haben

ein Recht darauf, respektvoll veralbert zu werden, erst dann gehören sie dazu.“ Denk mal

darüber nach.“

Irenchen hatte Recht und ich nahm mir vor, beim nächsten Kursabend meinen Kommentar zu

Uschs Text, ihr gegenüber richtigzustellen. Leider sollte es dazu nicht kommen. Beim nächsten

Kursabend war Usch nicht dabei, und ab der folgenden Woche fesselte mich ein Unfall ans Bett

und es dauerte viele Wochen, bis ich wieder halbwegs auf Krücken laufen konnte. Als wäre das

nicht genug, erwischte mich auch noch das vermaledeite Coronavirus, sodass ich den Kurs

abbrechen musste.

Liebe Usch,

Du feierst in diesem Jahr einen ganz besonderen Geburtstag, zu dem ich Dir meine herzlichsten

Glückwünsche auf diesem Weg überbringe. In unserer Gruppe kam die Idee auf, dass wir Dir zu

diesem Ehrentag eine kleine Sammlung selbst verfasster Texte widmen. Während ich

nachdachte, was ich für Dich schreiben könnte, fiel mir ein, dass ich immer wieder gerne daran

zurückdenke, wie unsere ersten Begegnungen abliefen. Vielleicht erinnerst Du Dich auch -

genau wie ich - mit einem Lächeln und einem guten Gefühl an diesen September im Jahr 2023.

Bleib, wie Du bist.

Frank

Alexander Kiefer

Ein kleiner Funken Hoffnung

Heute war mal wieder so ein Tag, der mich fast zum Verzweifeln gebracht hat. In der Schule lief

heut einfach alles schief, meine Lehrer stressten voll und in meiner Klasse ist Mobbing schon

regelrecht zum Alltag geworden. Die erwachsenen Menschen um mich herum unterhielten sich

sehr abfällig über Flüchtlinge und andere Verlierer des Systems, auf der Straße prügelten

Polizisten

auf Demonstranten ein, die Nachrichten berichteten ständig von Krieg, Mord und Ignoranz.

Überall scheinen sich Neid, Egoismus, Hass und Hoffnungslosigkeit breit zu machen und ich

frage mich, wo das alles hinführen sollte.

Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren. Es erscheint mir alles so sinnlos und

ungerecht. Meine Gedanken drehen sich und ich sehe keinen Ausweg. Zuhause fällt mir die

Decke auf den Kopf, also raus an die frische Luft. Ein Spaziergang wird mir sicherlich guttun

und mir dabei helfen, meine Gedanken zu ordnen. Also mache ich mich auf den Weg und

verlasse meine Wohnung. Ich schlendere völlig ziellos durch mein schönes, vornehmes

Wohnviertel. Irgendetwas bringt mich dazu einfach weiterzugehen, ich laufe immer weiter und

weiter, bis ich am Ende des Viertels angelangt bin. Am Stadtrand halte ich kurz inne und blicke

auf die unheimlich wirkende dunkle Landstraße, die von uralten, hohen ausladenden Bäumen

gesäumt war, welche in mehreren Kilometern Entfernung zu einem Tunnel zu verschmelzen

schienen. Hier war ich noch nie und aus irgendeinem Grund wirkte diese ganze Umgebung

völlig fremd und fast schon außerweltlich. Unsicher setzte ich einen Fuß vor den anderen und

folgte dem Feldweg der parallel zu der dunklen Landstraße verlief. Hinein in den vermeintlichen

Tunnel, dabei fragte ich mich mit jedem Schritt, wo es mich wohl hin verschlagen würde. Dieser

Tunnel schien mich auf eine magische Art und Weise anzuziehen, also hörte ich auf meine innere

Stimme und ging einfach weiter. Auf halber Strecke nahm ich auf einmal eine leise Melodie war,

die langsam den gesamten Blättertunnel auszufüllen schien. Meine Schritte wurden immer schneller,

ich näherte mich dem Ende des Tunnels und wurde plötzlich von einem hellen Licht geblendet.

Muss wohl ein vorbeifahrendes Fahrzeug gewesen sein – komisch, dabei habe ich keinerlei

Motorgeräusch wahrnehmen können. Meine Augen waren schon so sehr an die Dunkelheit

gewöhnt, dass das grelle Licht schon beinahe schmerzte, also torkelte ich für einige Minuten

blind geradeaus, bis ich zu einem alten heruntergekommenen Dorf angelangte. Von dort schien

auch die Musik zu kommen, die ich bereits aus der Ferne hörte. Mit jedem Schritt wurde die

Musik lauter, mein Blick klärte sich langsam wieder, ich blinzelte und stand vor einem schäbigen

Haus mit flackernder Leuchtreklame. Ich betrat den Eingang, indem ich einem rostigen

Geländer entlang folgte und viele flache Stufen zu einem Kellerraum hinabstieg.

Ich öffnete die schwere Tür und fand mich in einer wunderschönen, gemütlich eingerichteten

Bar wieder.

Die Wände waren mit dunklem Holz und bordeauxrotem Samt verkleidet, die alten Holzdielen

mit einem dunklen Teppichboden bedeckt. Es gab viele Nischen und Ecken, in denen Leute

saßen und nachdenkliche Blicke auf die Bühne am Ende des Raumes oder auf die vor ihnen liegenden

Kugeln warfen. Diese Kugeln faszinierten mich sehr, da sie ein sonderbares indirektes Licht abstrahlten,

welches den düsteren Raum in einen lagerfeuerartigen Glanz tauchte.

Die anwesenden Gäste schienen mich noch nicht einmal ansatzweise wahrzunehmen, ich kam

mir vor wie ein ferner Beobachter, wie ein Geist. Mein Blick wanderte zur Bühne am Ende

des großen höhlenartigen Raumes. Dort stand eine sehr interessante buntgemischte Band, die

sich aus Vertretern aller Kontinente, Kulturen und Religionen zusammensetzte. Mit einem

sanften, wissenden Lächeln schauten sie in die Menge und spielten mit einer anmutigen,

mühelosen Leichtigkeit auf ihren Instrumenten, so als ob die Musik, die sie dabei produzierten,

ein natürlicher, unbewusster Vorgang wäre, so wie das Pochen eines Herzens. Es schien aus ihrem

tiefsten Inneren zu kommen. Ich schloss meine Augen und gab mich dieser wunderschönen,

erhebenden Melodie hin, die mich sehr berührte und mich langsam aber sicher in eine Art

Trance versetzte. Der Rhythmus schoss durch meine Adern und ein warmes Gefühl von tiefer

Geborgenheit breitete sich in mir aus. Ich schien mit meiner Umgebung und der Melodie zu

verschmelzen. Mein Kopf nickte unbewusst im Takt, mein ganzer Körper entspannte sich und

die hässlichen Gedanken, die mich den ganzen Tag bereits beschäftigten, waren auf einmal

verschwunden. Ich war eins mit der Musik. Als ich die Augen wieder öffnete, stellte ich fest, dass

sich die anderen Menschen in dieser seltsamen Bar ebenfalls der magischen Melodie hingaben

und ihre Körper rhythmisch dazu bewegten. Ich blickte in sorgenfreie Gesichter und ließ mich

von der wohligen Atmosphäre, die mich umgab, anstecken. Das Lied schien kein Ende zu

nehmen, die Band und der begleitende Gospelchor spielten und sangen sich regelrecht in

Ekstase.

Auf einmal geschah etwas, das ich kaum in Worte fassen kann. Die Luft schien durch die Musik

und den Gesang wie elektrisch aufgeladen zu sein und mein Herz schien höher zu schlagen

und fast aus meiner Brust springen zu wollen. Die Menschen rückten langsam immer näher

zusammen, bis sich ihre Körper berührten. Sie alle hielten ihre Augen geschlossen, nickten

weiter mit dem Kopf und es war irgendwie so, als ob sie einem inneren Instinkt folgen würden,

als sie sich plötzlich an den Händen fassten und lächelten, um die Nähe des Anderen zu

spüren. Was geschah hier bloß?

Das Glühen der seltsamen Kugeln schien sich zu intensivieren. Erst jetzt bemerkte ich,

dass sich auch die Gäste der Bar, so wie die Band, aus allen Herren Länder zusammensetzte,

so als ob sie aus den entlegensten Ecken der Welt angereist waren, um sich hier zu

versammeln. Ein Gefühl von Einheit und Freude erfüllte meine Seele und ich hatte das Gefühl,

die Hoffnungen, Wünsche und Emotionen ja sogar die Gedanken der Anderen zu spüren. Alle

Zweifel die ich jemals über die Menschheit hatte, waren wie weggeblasen und ich gab mich

dieser schönen Melodie und diesem magischen Moment hin – jegliches Zeitgefühl war

verschwunden und es kam mir so vor, als ob mein ganzes Leben zu diesem einen Moment

hingeführt hätte. Alles ergab auf einmal Sinn.

Ich hoffte, dass dieser Moment nie aufhören würde. Langsam wurde die Musik jedoch immer

leiser, die Intensität der Leuchtkugeln nahm langsam ab und irgendeine Art Nebel schien sich in

der Bar auszubreiten. Er wurde immer dichter und dichter, bis ich die Menschen um mich herum nicht

mehr wahrnehmen konnte. Sie schienen zusammen mit der Musik im Nebel zu verschwinden. Dieses

wunderschöne Gefühl der Einheit und Geborgenheit ließ langsam aber sicher nach und erfüllte

mein gesamtes Wesen mit Wehmut. Der Nebel wurde so dicht, dass ich meine eigenen Hände nicht

mehr sehen konnte. Ein kurzes Gefühl der Panik überkam mich und ich öffnete meinen Mund zum

Schreien, bekam aber keinen Ton heraus. Ich war völlig desorientiert und plötzlich stellte ich mit

Erschrecken fest, dass ich wieder Zuhause war und aufrecht in meinem Bett saß. War das alles

etwa bloß ein Traum?

Ich sprang auf und lief Richtung Bad, um mich zu erfrischen, dabei stolperte ich über meine

Schuhe und stellte fest, dass sie von Schmutz behaftet waren, der eigentlich nur von meinem

gestrigen, seltsamen, mystisch anmutenden Spaziergang über den dunklen Feldweg stammen

konnte. Ich lächelte unwillkürlich und mit einem Mal spürte ich wieder dieses schöne Gefühl der

Einheit und der Geborgenheit und so startete ich in einen neuen Tag mit einem kleinen Funken

Hoffnung in die Menschheit.

Aldo Tiziani

Der 90. Geburtstag

Amanda Bleischütz, die immer noch resolute Seniorchefin der Bleischütz-Werke, stand am

Fenster. Trotz ihrer neunzig Jahre war sie noch immer fit – geistig wie körperlich. Vor fünfzig

Jahren hatte sie die Firma ihres durch einen Unfall verstorbenen Vaters übernommen. Niemand

hätte ihr damals zugetraut, dass der Betrieb, der damals fünfundzwanzig Mitarbeiter

beschäftigte, zu einem riesigen

Unternehmen heranwachsen würde. Heute zählte der Betrieb über tausend Angestellte, und das

alles unter dem Management der alten Bleischütz, wie sie ehrfürchtig hinter vorgehaltener Hand

genannt wurde. Sie bemerkte nicht, wie Selma Wagner die wichtigsten

Glückwunschtelegramme und Briefe auf einem Tablett ins Zimmer brachte.

„Das Frühstück wäre fertig“, flüsterte Selma. Im Hause Bleischütz sprach man nicht laut. Wenn

jemand die Stimme erhob, dann die Seniorchefin.

„Danke, Selma. Ich komme gleich. Noch ein paar Minuten.“ Amanda blieb mit ihrem Blick bei

den Bäumen, ohne sich um die Hausangestellte zu kümmern.

„Sehr wohl, Gnädigste.“ Selma zog sich kopfneigend zurück.

„Morgen steht also mein 90. Geburtstag an“, murmelte Amanda vor sich hin. Sie erwartete den

Tag mit gemischten Gefühlen. Einerseits genoss sie den großen Empfang, andererseits waren

da diese entsetzlichen Verpflichtungen, die den Jubeltag begleiteten. Die Honoratioren aus

Stadt und Land mussten hofiert werden, und sie war nun mal keine gute Gesellschafterin.

Draußen stand die mächtige Linde, genau so alt wie sie. Ihr Vater hatte sie am Tag ihrer Geburt

gepflanzt, und nun standen sie sich gegenüber, wie so oft in ihrem Leben. Es war ihr Baum, ihm

hatte sie als Kind und später als Unternehmerin alle Sorgen anvertraut. Nun ragte er weit über

das Dach hinaus und warf seinen kühlenden Schatten auf das Haus.

Sie drehte sich vom Fenster ab, war schon halb an der Tür, als sie das Tablett mit den

Glückwunschtelegrammen bemerkte. Erst stand sie unentschlossen vor dem Haufen Couverts,

dann griff sie kurzentschlossen hinein, holte eine Handvoll Briefe heraus und überflog mit

geübtem Blick die Absender. Bei einem blauen Couvert hielt sie inne. Armand. Sie öffnete hastig

den Umschlag, holte die Karte heraus.

„Ich gratuliere Dir von Herzen zu Deinem 90. Geburtstag, Armand.“ Seit Vaters Tod hatte

sie ihren jüngeren Bruder nicht mehr gesehen. Fünfzig Jahre waren vergangen. Er verschwand

nach der Beerdigung und hatte sich in Luft aufgelöst. Gemeinsam mit ihr sollte er die Firma

leiten, aber nach der Trauerfeier sagte er, dass er andere Pläne habe. „Ich wünsche Dir das

Glück, das Vater nie gehabt hat“, sagte er, bevor er ging.

Ein halbes Leben musste vergehen, bis zu dieser Karte. Sie betrachtete die mit schwarzer Tinte

auf blassblauem Papier gemalte Schrift. Große Bögen – er wollte immer groß hinaus. Plötzlich

beschlich sie ein Unbehagen. „Kommt er womöglich zur Geburtstagsfeier? Ich weiß nicht mehr,

wie Armand aussieht. Er wird ein alter Mann sein. Sie würde ihn vielleicht nicht wiedererkennen,

wenn er ihr die Hand zur Gratulation entgegenstrecken würde.“

„Frau Bleischütz!“, tönte es von unten herauf.

„Ich komme, Selma.“ Sie stieg die Treppe hinunter, jede Stufe knirschte. „Armand, Armand.“ Als

sie sich an den Tisch setzte und Selma ihr Kaffee einschenkte, blieb ihr Blick starr und ihre Gedanken

bei ihrem Bruder hängen.

„Armand“, der Name entglitt ihr über die Lippen.

„Ist Ihnen nicht gut, gnädige Frau?“, hörte sie Selma fragen.

„Was meinen Sie, Selma?“

„Ob Ihnen nicht gut ist. Sie haben eben einen Namen genannt. So kenne ich Sie gar nicht,

gnädige Frau.“

„Alles ist gut, Selma! Armand ist mein 13 Jahre jüngerer Bruder. Wir haben uns seit fünfzig

Jahren nicht mehr gesehen.“

„Das tut mir leid, Gnädige Frau.“

„Dazu besteht kein Anlass, Selma. Armand lebt sein Leben und ich meines. Wir waren uns nie

sehr nahe. Warum nur gratuliert mir mein Bruder zu meinem 90. Geburtstag? Nie hatte er mir

irgendeine Nachricht zukommen lassen. Jeder meiner Geburtstage ließ er kommentarlos

verstreichen, und ausgerechnet zu meinem 90. gratuliert er mir?“

„Vielleicht möchte er Sie einfach wiedersehen.“

„Nach fünfzig Jahren? Wir sind nicht im Guten auseinandergegangen. Selma, bitte, Sie können

abräumen.“

„Aber, gnädige Frau, Sie haben ja gar nichts angerührt.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Aber Ihren Kaffee...“

„Tun Sie einfach, um was ich Sie gebeten habe.“ Die alte Dame erhob sich und verließ den

Salon.

Am nächsten Tag drängelten sich die Gäste auf dem großen Anwesen. Die alte Dame stand wie

ein General auf der großen Eingangstreppe und schüttelte jedem einzelnen Gast die Hand.

Direktoren aus ihrem Betrieb hofierten ihre Chefin, Abgeordnete des Stadtrates und der

Landtagsabgeordnete des Wahlkreises machten ihre Aufwartung, und kaum dass sie

angekommen waren, drängten sie zum Abmarsch. Wichtige Termine. Natürlich wären sie gerne

länger geblieben, aber die Pflicht ruft unbarmherzig. Dabei entging ihnen allen, wie erleichtert

Frau Bleischütz diese Entschuldigungen entgegennahm. Als sich endlich alle unerwünschten

Gäste aus Wirtschaft und Politik verabschiedet hatten und die Dame sich den angenehmen

Gästen widmen konnte, die Kapelle zum Tanz aufspielte, kam endlich Stimmung auf.

Als der Geburtstag sich schon dem Ende neigte, die letzten Gäste gegangen waren, klingelte es

an der Tür. Wer mochte das sein, fragte sich die Hausherrin. Selma ging zur Tür, öffnete. Ein

Mann stand ihr gegenüber, alt, verbraucht, mit einem Strauß Blumen in der Hand.

„Ich entschuldige mich, dass ich so spät noch störe. Ich bin Armand, der Bruder. Ich wollte

meiner Schwester gratulieren.“ Wortlos trat die Hausdame beiseite und ließ den sichtbar

erschöpften Gast eintreten. Sie führte ihn in den kleinen Salon, bat ihn Platz zu nehmen,

entschuldigte sich und ließ den Mann allein.

„Armand!? Mein Gott!“ Der Mann musste eingenickt sein, denn er erschrak, als er seinen

Namen hörte. Er erhob sich mühsam aus dem Sessel. Nun stand er seiner Schwester

gegenüber.

„Ach, welch schöne Blumen hast Du mitgebracht.“ Erst jetzt erinnerte er sich, den Blumenstrauß

auf den anderen Sessel gelegt zu haben. Er griff nach ihm und überreichte ihn seiner

Schwester. Er sprach kein Wort, schaute nur in das Gesicht, das ihn musterte.

„Selma, bitte, tun Sie die Blumen in eine Vase.“ Sofort stand die Gesellschafterin neben ihr und

nahm den Strauß entgegen.

„Setz Dich doch. Möchtest Du etwas trinken? Du siehst erschöpft aus. Geht es Dir nicht gut?“

„Die Reise. Es gab Verzögerungen.“

„Von wo kommst Du her?“

„Aus Südamerika, na ja, Argentinien. Ich lebe dort seit dreißig Jahren in der Nähe von Buenos

Aires.“

„Lass Dich mal in den Arm nehmen. Mein Gott, fünfzig Jahre hast Du Dich nicht blicken lassen

und jetzt kommst Du ohne Anmeldung, hast nur eine Karte geschrieben.“

„Es tut mir leid, ich war verhindert. Verzeih, ich muss mich erst wieder an die deutsche Sprache

gewöhnen.“

„Du hättest aber doch wenigstens einmal schreiben können.“

„Ja, das hätte ich tun müssen. Entschuldigung, dass ich es nicht getan habe.“

„Na, jetzt bist Du ja da. Trinkst Du einen Wein mit mir?“

„Das wäre keine gute Idee. Es ist nicht nur die Reise, die mich erschöpft hat. Ich bin krank.“

„Oh mein Gott! Schlimm?“

„Ich werde bald sterben. Aber das ist in Ordnung. Ich habe lange genug gelebt, gut gelebt.

Keinen Grund zu jammern.“

„Das tut mir leid. Kann ich Dir helfen, brauchst Du Geld?“

„Nein, ich bin zwar nicht so vermögend wie Du, aber ich habe ausreichende Mittel. Ich wollte

einfach, bevor ich sterbe, Dich noch einmal wiedersehen. Frieden machen mit der

Vergangenheit. Wir sind im Streit auseinandergegangen.“

„Ich wüsste nicht einmal mehr, worum es in dem Streit ging.“

„Es ging um Vater, mehr weiß ich auch nicht mehr, und um Geld, das Du mir nicht geben

wolltest. Ich hätte es brauchen können. Schwamm drüber, alles längst begrabene Geschichten.

Nein, ich kam aus einem einzigen Grund hierher: mich mit Dir zu versöhnen, solange ich noch

Zeit habe. Viel wird mir nicht mehr bleiben.“

„Was hast Du für eine Krankheit?“ Amanda schaute ihren kranken Bruder mit einer Mischung

aus Mitleid und stillem Groll an. Warum kommt er jetzt, an ihrem 90. Geburtstag? Warum fand

er den Weg nicht früher zurück, wo man noch eine Strecke Weges hätte gemeinsam gehen

können? Warum trieb ihn sein schlechtes Gewissen zurück?

„Krebs, Lungenkrebs, um genau zu sein. Dabei habe ich das Rauchen schon seit

vielen Jahren aufgegeben. Aber der Körper verzeiht einem wohl nie die Sünden, die

man an ihm vollbracht hat.“ Den letzten Satz begleitete er mit einem bitteren Lächeln.

„Du warst von uns beiden immer der Gesündere. Mein Gott, wie kann man noch mit

neunzig so gut, so vital aussehen. Beneidenswert. Ich erinnere mich jetzt: Vater

sagte immer, Amanda hat Dir allen Lebenssaft entzogen, Du warst immer der

Schwächling.“

„Hör auf, ich hatte auch Zeiten, in denen es mir nicht gut ging. Aber es musste immer

weitergehen. Ich konnte nicht weglaufen wie Du. Keiner hat mir das zugetraut, das

mit der Firma. Die wird den Wagen an die Mauer fahren, so tönte es. Aber ich habe es allen

gezeigt.“

„Genau so kenne ich Dich. Hart gegen Dich und hart gegen die anderen. Ich wollte nur meine

Aufwartung machen. Leb wohl. Wir werden uns nicht wiedersehen. Für die Flucht damals bitte

ich Dich um Vergebung. Du hast es ja geschafft.“

Er erhob sich mit Mühe aus dem Sessel, sagte kein Wort, verschwand einfach aus dem Raum.

Amanda hörte nur noch von weitem die Tür ins Schloss fallen, dann war es wieder still.

Am nächsten Morgen lag ein schweres Schweigen über dem Haus. Amanda hatte kaum

geschlafen. Die Gedanken an das Gespräch mit Armand ließen sie nicht los.

Als sie gerade ihren Kaffee trank, hörte sie Stimmen im Flur. Selma kam mit unsicheren

Schritten herein, gefolgt von zwei Männern in Uniform.

„Gnädige Frau Bleischütz?“, fragte einer der Polizisten höflich.

Amanda stellte die Tasse ab, ihr Herz schlug schneller. „Ja, das bin ich. Was gibt es?“

Der ältere der beiden Beamten trat einen Schritt vor. „Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen,

dass Ihr Bruder, Herr Armand Bleischütz, heute Nacht verstorben ist.“

Amanda spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegzogen wurde. „Verstorben? Wie...?“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Wir gehen von einem Suizid aus. Ihr Bruder hat einen Abschiedsbrief hinterlassen. Er bedankt

sich darin bei Ihnen und bittet um Vergebung.“

Selma legte Amanda stützend die Hand auf den Arm. Für einen Moment war alles still. Amanda

dachte an die letzte Begegnung, an die Müdigkeit in Armands Augen, an das leise Lächeln, das

so viel Abschied in sich trug. Sie erinnerte sich an den Blumenstrauß, der nun in einer Vase auf

dem Fensterbrett stand.

„Hat er gelitten?“, fragte sie leise.

„Nein“, antwortete der Polizist sanft. „Es ging schnell. Er wollte offenbar Frieden schließen.“

Amanda nickte, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte geglaubt, stark zu sein, doch jetzt

fühlte sie sich klein und verletzlich.

Nachdem die Polizisten gegangen waren, saß Amanda lange allein im Salon. Der

Abschiedsbrief ihres Bruders lag vor ihr, der Blumenstrauß leuchtete in der Morgensonne. Die

Worte des Briefes hallten in ihr nach, doch es waren die Erinnerungen, die sie nun

überwältigten. Sie schloss die Augen und sah sich selbst als junge Frau, wie sie den kleinen

Armand an der Hand hielt. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm half, die ersten Schritte zu

machen, wie er mit großen Augen zu ihr aufsah, voller Vertrauen. Sie dachte an die

Nachmittage, an denen sie ihm Geschichten erzählte, während er an ihrer Seite im Gras lag und

den Wolken nachschaute. Sie erinnerte sich an seine

ersten Schultage, an seine Freude, wenn sie ihn lobte, und an die kleinen Streiche, die er ihr

spielte, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Mit jedem Bild aus der Vergangenheit wurde die Trauer um ihren Bruder tiefer, aber auch

wärmer. Amanda spürte, wie die verlorenen Jahre zwischen ihnen schrumpften, wie die

Versöhnung der letzten Nacht einen Kreis schloss, der einst offen geblieben war.

Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie stand auf, öffnete das Fenster und ließ die frische Luft

herein. Die Linde rauschte im Wind, und Amanda glaubte, für einen Moment das Kinderlachen

von damals zu hören.

„Leb wohl, Armand“, flüsterte sie. „Danke.“


Sie war eine von uns

Das Leben der Westerwälder Jüdin Irmgard Schaumburger
Die Westerwälder Historikerin Katharina erhält den Auftrag, über eine Jüdin aus der Nachbarstadt Westerburg zu schreiben. Bei der Recherche für das Buch taucht sie ein in die Briefe und Erinnerungen der jungen Frau, die den Holocaust nur dank unglaublicher Zufälle überlebte. Während dieser Arbeiten wird sie damit konfrontiert, dass auch ihre eigene Familie ein dunkles Geheimnis hütet. Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens und muss sich eingestehen, dass sie sich in vielen Menschen aus ihrem Umfeld gründlich getäuscht hat. 

Als ihre Schockstarre nachlässt, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an über die Wahrheiten, die ihr bislang vorenthalten wurden. Sie nimmt die Arbeit an ihrem Manuskript wieder auf und zeichnet akribisch das furchtbare Schicksal der Irmgard Schaumburger nach.

(Rhein-Mosel-Verlag) Zell/Mosel 2022