Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, liebe Usch!
Nun hältst du meinem Vhs-Kurs „Literarisches Schreiben“ schon so lange die Treue, und deshalb habe ich mir für den heutigen Tag eine kleine Überraschung überlegt: Ich habe die anderen Teilnehmer unseres Kurses gebeten, jeweils eine Geschichte für dich zu schreiben. Dieser Bitte sind sie sehr gerne nachgekommen – die Ergebnisse findest du auf dieser Seite.
Wir sind froh, dich dabeizuhaben und hoffen, dass du uns noch ganz lange erhalten bleibst!
Viel Spaß beim Lesen!
Dein
Christoph
(Kursleiter)
Nadine Laux
Der Knabberkeks und die Hexe
Er ist Paul, der Knabberkeks, und sie ist Paula, die Hexe. Eigentlich dürfte er gar nicht lebendig
sein oder sich bewegen können. Denn er ist nur ein kleiner gebackener goldbrauner Keks aus
Buttergebäck.
Paul selbst weiß nicht, wie er lebendig wurde. Vermutlich wurde er im Haushalt der Hexe
gebacken, bevor ein Zauberspruch daneben ging und ihn zum Leben erweckte.
Woran sich Paul aber erinnern kann, ist die Zeit mit der Hexe. Als er das erste Mal die Augen
aufschlägt, steht sie über ihm und hat Tränen der Freude in den Augen. Die Hexe ist so
fasziniert von ihrem lebendigen Keks, dass sie ihn unter einer Glasglocke auf die Fensterbank
stellt, damit alle, die vorbei kommen, ihn bewundern können.
Am Anfang winkt Paul noch zurück und freut sich über die Aufmerksamkeit. Er muss ja wirklich
etwas Besonderes sein, wenn die Menschen "Schau mal, ein lebendiger Keks!" oder "So was
hab ich ja noch nie gesehen!" rufen.
Doch der Keks ist damit nicht auf Dauer glücklich. Er langweilt sich, kann er sich doch nicht viel
bewegen. Und wenn die Sonne in das Fenster scheint, wird ihm furchtbar heiß. Dafür hat die
Hexe ihm einen kleinen Hut genäht, den er gerne trägt.
Leute, die vorbei spazieren, klopfen mit dem Finger gegen das Glas und erschrecken ihn. Aber
am schlimmsten sind die Vögel. Vor allem die Raben. Die setzen sich gerne auf den Baum vor
dem Fenster oder auf das Fensterbrett, um ihn zu beobachten.
Sie hätten Paul sicher gerne angeknabbert, mögen sie doch Teig und Kekse sehr gerne. In
solchen Momenten ist der Knabberkeks dann wieder froh, unter der Glasglocke sicher zu sein.
Eines Tages, es ist ein stürmischer Morgen im Frühling, steht er wieder auf dem Fensterbrett.
Paula ist gerade aus dem Wald mit einem Beutel voller unbekannter Kräuter zurückgekommen,
die sie direkt für ein neues Rezept ausprobieren will. Sie singt und schnibbelt vor sich hin, hält
immer wieder kurz inne, um ihr Werk umzurühren.
Knabberkeks Paul hat dabei kein gutes Gefühl. Denn meistens gehen solche spontanen
Kochversuche schief.
Er hat schon oft versucht, sie davon abzubringen. Aber Paula antwortet dann immer: "Paul,
wenn ich nicht spontan gezaubert hätte, wärst du jetzt gar nicht da. Und neue Rezepte kann
man ja erst durch Ausprobieren herausfinden." Dann schwingt sie voller Tatendrang ihren
hölzernen Löffel und grinst Paul voller Tatendrang an.
Die Hexe Paula hat mittlerweile einen großen Kessel voll stinkenden Eintopfs angerührt.
Wir müssen ehrlich sein. Paula ist wahrlich keine gute Hexe.
Ihr selbst gekochtes Essen schüttet sie meist weg, weil es ungenießbar ist. Dann schimpft sie
und rauft sich die schwarzen Haare. Meistens bekleckert sie sich bei ihren Kochversuchen auch
noch so sehr, dass sie von oben bis unten dreckig ist.
Und nicht selten kommt es zu kleine Unfällen in der Küche. Dann explodiert der ganze Kessel
und der Inhalt des verteilt sich im gesamten Raum an Wänden und Böden. Oder eine
übelriechende Wolke aus stinkendem grünen Raum schwebt stundenlang durch die Räume.
Doch der Zauberspruch im Anschluss an ihre Kochversuche macht es auch nicht wirklich
besser. Denn statt dass der verzauberte Lappen den Dreck aufwischt, werden die Flecken noch
mehr verteilt. Dann stemmt sie die Hände in die Hüften und murmelt Flüche vor sich hin, die
niemand versteht.
So auch heute. Die stinkende Flüssigkeit hat nach und nach eine ungesunde Farbe
angenommen. Paula rührt und rührt mit dem schweren großen Holzlöffel in der blubbernden
Masse herum. Doch die Farbe und der Geruch wollen einfach nicht besser werden. Paula wirkt
weitere Gewürze und glänzendes Pulver in den großen Kessel.
Plötzlich fängt dieser an zu wackeln und schwingt hin und her. Brummelnd treten große
Blubberblasen aus und schwappen über den Rand.
Paula ist sehr überrascht und legt das Rührgerät beiseite. Vorsichtig geht sie mit dem Kopf
näher über den Kessel und schnuppert.
In diesem Moment macht es PUFF und eine dunkle Rauchwolke steigt nach oben. Paulas
ganzer Kopf, die Haare und Hände sind schwarz. Was aber noch viel schlimmer ist, ist der
Gestank, der sich in der gesamten Küche ausbreitet. Dabei entsteht ein Windstoß, der das
Fenster zuschlägt.
Paul spürt einen Ruck und stürzt mit dem Glas von der Fensterbank. Als er auf den Boden fällt,
zerspringt das Glas in hunderte kleiner Scherben.
Zum Glück hat er sich nicht weh getan. Lediglich eine seiner Knusperecken ist angeknackst.
Er richtet sich auf, schüttelt die kleinen Splitter von seinem Körper und setzt sich den roten Hut
auf, den er beim Sturz verloren hat. Paula schaut sich um.
Überall auf dem Boden ist die stinkende grüne Masse verteilt. Vor ihm türmt sich riesengroß der
schwarze Kessel auf, in dem Paula wieder einmal etwas Unbekanntes gebraut hat.
Vorsichtig geht er um den Kessel herum und passt auf, nicht aus Versehen in einen der grünen
Stinkhaufen zu treten. Doch Paula kann er nirgendwo entdecken.
"Wo ist sie hin?", fragt er sich und sucht die Decke ab. Vielleicht ist sie durch den Windstoß
dorthin geschleudert worden.
Aber an den Balken hängen nur zum Trocknen aufgehängte Kräuter und staubige Spinnweben.
Er entdeckt die alte Spinne, die schon seit Jahren in der Ecke hinter dem Ofen haust und ruft:
"Hast du Paula gesehen? Wo ist sie hin?"
Die Spinne lacht und antwortet kichernd mit hoher Stimme: "Kannst du sie nicht sehen? Sie sitzt
doch da hinten hinter dem Stuhl! Hihihi... So kann sie wenigstens nichts mehr kochen, was mir
die Fliegen von meinem Spinnennetz fern hält. Hihihi."
Die Spinne dreht sich auf ihrem Netz herum und beginnt sogleich, es zu vergrößern. Der kleine
Knabberkeks ist irritiert, denn Paula ist viel größer als er. Warum sollte sie sich unter dem Stuhl
verstecken? Das passt doch gar nicht.
Aber dann erkennt er, warum die Spinne so lachte und wird traurig.
Paula sitzt weinend und schluchzend unter dem Küchenstuhl. Scheinbar der einzige Platz im
Raum, der nicht von widerlichem Schleim bekleckert ist. Ihr kullern große runde Tränen über
das Gesicht.
Sie ist geschrumpft. Gerade nur noch so groß wie Paul, der Keks.
Schnell läuft er zu ihr hin, und möchte sie trösten.
Sie war ja immer nett zu ihm gewesen und hat ihm sogar für die Sonne diesen schönen roten
Samthut genäht. Doch Paula ist wirklich sehr traurig.
"Ach Paul.", schluchzt sie, "jetzt habe ich es richtig vermasselt. Hätte ich doch nur auf dich
gehört. Jetzt kann ich nicht mal mehr in meinem Haus leben. Alles ist viel zu groß und niemand
sieht mich. Ich will nicht so klein sein."
Paul setzt sich neben sie und legt den Arm um ihre Schulter.
"Was ist denn so schlimm daran, klein zu sein? Du siehst doch viel mehr von der Welt, als wenn
du groß wärst. Zum Beispiel siehst du die ganzen kleinen Lebewesen viel besser und kannst
dich an viel mehr Orten verstecken. Die Tiere haben keine Angst vor dir, weil du nicht mehr so
groß bist. Und vielleicht ist ein Fuchs oder Reh so nett und nimmt dich sogar auf dem Rücken
mit. Das alles kannst du nur erleben, wenn du so klein bist wie ich."
Die kleine Hexe seufzt und zieht ein großes mit Flicken besticktes Taschentuch aus der
Schürze. Dann schnäuzt sie herzhaft hinein und schaut Paul an.
Dieser streicht Paula über den Rücken und spricht weiter: „Und abgesehen davon ist es
wahrscheinlich auch besser, wenn du nicht mehr an deinen Kessel kommst. Deine Rezepte und
Suppen waren wirklich ungenießbar und widerlich."Dabei lächelt er Paula an und verzieht das
Gesicht zu einer angewiderten Grimasse.
Da muss sogar die Hexe lachen. "Das ist wahr, Paul.", stimmt sie ihm zu. "Ich hätte das Ganze
wirklich sein lassen sollen. Ich kann es eben einfach nicht.", kichert sie und schnäuzt noch
einmal lautstark in ihr Taschentuch.
Dann dann schaut sie traurig auf und fragt den Keks leise: "Aber was sollen wir denn jetzt
machen? Die anderen lachen mich aus, wenn sie herausfinden, das ich mich selbst aus
Versehen geschrumpft habe. Und hier wohnen kann ich auch nicht mehr."
Der Knabberkeks hat schon eine gute Idee. Er springt auf und rennt zurück zu seinem Fenster.
Paula schaut ihm fragend hinterher.
Kurze Zeit später ist er wieder da, hat Stoff, Nadel und Faden besorgt.
Aufgeregt hüpft er vor ihr auf und ab. "Wir nähen uns jetzt Taschen und Rucksäcke und dann
erkunden wir die Welt. Schon viel zu lange sitze ich auf der Fensterbank und schaue dabei zu,
wie die Welt sich verändert."
Hexe Paula überlegt kurz und nimmt dem Keks die Sachen aus der Hand. "Einverstanden. Wir
erkunden die Welt gemeinsam. So klein wie wir sind, so groß wird die Welt sein. Ich bin froh,
dass du mein Freund bist, auch wenn ich dich die ganze Zeit in das Glas gesperrt habe.",
spricht Paula nachdenklich und beginnt, aus dem Stoff für sich und Paul kleine handliche
Taschen zu nähen.
Paul tippt sich lachend an den Hut: "So konnten die gefräßigen Raben mich wenigstens nicht
vernaschen. Und es war doch immer lustig bei dir."
Er beginnt, Lebensmittel und Decken für ihre gemeinsame Reise zusammen zu suchen, Als
Decke nimmt er ein kleines Küchentuch mit, das hat nun die richtige Größe.
Um die beiden vor Regen zu schützen, holt er einen alten verbogenen Löffel. Aus einem Faden
und einem Holzspan fertigt er sich eine kleine Angel.
Nach kurzer Zeit ist auch Paula mit den beiden Rucksäcken fertig. Schön sind sie geworden.
Und alles, was der Keks zusammengesucht hat, passt hinein.
Gemeinsam quetschen sie sich durch einen Spalt an der Haustür, denn diese können sie nicht
öffnen. Dafür sind sie zu klein.
Als sie das Haus verlassen, hören sie hinter sich noch die Spinne lachen. Doch das ist ihnen
egal. Sie freuen sich darauf, nun die Welt zu erkunden.
Gemeinsam, Hand in Hand.
Und auch, wenn beide nicht unterschiedlicher sein könnten, so haben sie doch eines
gemeinsam: Zusammen haben die beiden Kleinen ein großes Ziel: Die Welt zu entdecken.
Frank Kaczmarek
Es war im September 2023 ...
Das Jahr 2022 hörte für mich auf wie jedes andere. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich
die guten Vorsätze des Vorjahres allesamt nicht umsetzen konnte. So nahm ich mir
beispielsweise vor, weniger zu rauchen, stattdessen qualmte ich mehr als je zuvor, ich wollte
abnehmen, doch die Waage kannte kein Erbarmen und die Anzeige riss eine Marke, die vor
Jahren nicht vorstellbar gewesen wäre. Also setzte ich mir für 2023 das Ziel, da tatsächlich alles
im exakten Gegenteil endete, zu verarmen.
Die Monate plätscherten ereignislos dahin und endlich las ich im Wochenblatt, dass die VHS
eine Weiterführung des Kurses „kreatives Schreiben“ anbot. An dieser Kursreihe nahm ich in der
Vergangenheit mit großer Freude teil, hat sie mir doch ein neues Hobby eröffnet. Der Kurs sollte
im September beginnen und je näher der Tag heranrückte, desto aufgeregter, im positiven Sinn,
wurde ich. Um so erstaunlicher erschien es wohl möglich Außenstehenden, dass ich am herbei
ersehnten Tag nachmittags entspannt auf der Terrasse saß, im Tabakrauch schwelgte, einen
großen Pott Kaffee trank, dazu viel zu viele Kekse knabberte und meinen Gedanken, die so gar
nichts mit dem bevorstehenden Ereignis zu tun hatten, nachging.
„Es ist gleich fünf, du sitzt hier rum als hättest du nichts vor. Du willst dich bestimmt vorher noch
etwas frisch machen. Auf was wartest du?“ Wie mit einem Donnerschlag riss mich meine Frau
aus meinen Tagträumen.
„Irenchen, es ist noch jede Menge Zeit und frisch machen muss ich mich nicht. Ich habe heute
morgen geduscht und nehme ein 72-Stunden Deo, das muss reichen. Oder habe ich meinen
engsten Freund, Axel Schweiß, im Schlepptau?“
„Das wäre ja noch schöner, wenn du müffeln würdest. Das mit dem 72-Stunden-Deo solltest du
lassen, bringt überhaupt nichts - nebenbei bemerkt. Nur ein unvernünftiger Mensch benutzt so
etwas.“
„Ich benutzte es, weil es Geld spart, Punkt. Bin ich in deinen Augen ein unvernünftiger
Mensch?“
„Wenn ich dich hin und wieder reden höre, will ich jetzt nicht unbedingt widersprechen. So, und
in diesen alten Klamotten gehst du mir auch nicht aus dem Haus.“
„Irenchen, du sprichst mit mir, als sei ich ein kleiner Junge. Auf gar keinen Fall ziehe ich etwas
anderes an. Meine Sachen sind sauber und nicht kaputt. Vielleicht etwas abgetragen und nicht
mehr der letzte Schrei. Zum Mitschreiben, mein Schatz: Heute am späten Nachmittag findet die
Fortsetzung unseres VHS-Kurses „Kreatives Schreiben“ und keine Modenschau statt. Wem es
nicht gefällt wie ich gekleidet bin, der muss wegsehen. So einfach ist das.“
„Komm schon, jetzt sei nicht so stur und tu mir persönlich den Gefallen. Ich leg dir was raus,
okay?“
„Aber nur weil du es bist und unter schärfstem Protest.“, rief ich meiner Frau hinterher, die
schon auf dem Weg zum Kleiderschrank war, ohne meine Antwort abzuwarten.
Ausgerechnet in dem Moment, als ich mir noch schnell eine Zigarette anstecken wollte, rief
Irenchen, dass sie mir ein Hemd und eine Hose aufs Bett gelegt hätte und ich sollte dazu die
neuen Sommerschuhe anziehen, die wir im vergangenen Jahr im Ausverkauf erstanden haben.
Nie fand ich die richtige Gelegenheit, sie zu tragen und an diesem Tag sollte ich mir also Blasen
laufen. Irenchen musste doch wissen, wie empfindlich meine Füße auf neue Schuhe reagierten.
Mit hängendem Kopf und schlecht gelaunt verzog ich mich ins Schlafzimmer, um mich zu
verkleiden. Jawohl, verkleiden - genau so kam es mir vor.
„Irenchen, ich weiß wirklich nicht, warum ich das hier anziehen muss. Weißt du wie ich mir
vorkomme? Wie ein Mann in der Midlifecrisis - blieb mir Gott sei Dank erspart. Diese Männer
ziehen sich bunt wie Gockel und jugendlich wie Diskogänger an und meinen, dadurch ihr Alter
verschleiern zu können. Ich habe das nicht nötig, mein Schatz, und komme mir in diesem
Aufzug richtig blöd vor.“, formulierte ich meine Gedanken vorsichtig, als ich aus dem
Schlafzimmer kam.
„Du bist aber auch bunt wie ein Paradiesvogel, mit dem blauen Polo-Shirt und der
Sommerhose. Vor allem die hellbraunen Schuhe, für den Diskobesuch prädestiniert, sind das
Tüpfelchen auf dem i.“, spottete Irenchen. Mir war es mittlerweile zu blöd, darauf zu antworten.
„Bevor ich fahre, die Klamotten, die ich gerade anhatte sind noch sauber, die kommen nicht in
die Wäsche. Dadurch wird nur das Gewebe abgenutzt und die Haltbarkeit deutlich
herabgesetzt. So, ich mach mich auf den Weg. Wo ist mein Autoschlüssel? Verflixt und
zugenäht! Nie liegt in diesem Haus etwas dort, wo ich es hingelegt habe.“
„Sieh am Schlüsselbrett nach.“
„Nein, da kann er nicht sein. Ich lege ihn immer hier in die Schale auf dem Schränkchen neben
der Eingangstür. Wo ist sie überhaupt?“
“Ich weiß nicht was du meinst.“
„Die Schale. Sie ist weg und somit auch mein Schlüsselbund.“
„Die Schale ist nicht weg, ich habe sie in die Spülmaschine gesteckt, weil sie verstaubt und
übersät mit Fingerabdrücken ist.“
„Und mein Schlüssel?“
„Hängt am Schlüsselbrett, habe ich dir doch gesagt.“
„Nein, das hast du nicht, du sagtest, dass ich dort nachsehen soll. Aber okay, ich habe jetzt
keine Zeit für eine Grundsatzdiskussion, sonst komme ich zu spät.“
Kurz vor sechs war ich an der Heinrich-Roth-Schule, erwischte knapp den letzten Parkplatz und
sah mit einer gewissen Schadensfreude im Rückspiegel, wie ein anderer Fahrer sich ärgerte,
weil ich ihm zuvor kam. Im Laufschritt machte ich mich auf den Weg zum Schulgebäude. Genau
wie beim letzten Kurs stand ich im Eingangsbereich des Gebäudes und wusste nicht, wie ich
den Kursraum finden sollte.
„Wenn mir dieser Architekt, der für diesen Mist verantwortlich ist, mal über den Weg läuft, der
kann sich was anhören. Eine Treppe rauf, eine halbe Treppe runter, dann links, dann rechts und
wieder eine Treppe ... Soll wahrscheinlich die kognitiven Fähigkeiten der Schüler stärken. Die
sollen ihre Hausaufgaben machen, für Klassenarbeiten lernen und ihre Telefone zuhause
lassen, dann kommt die Kognition von ganz alleine. Wir haben damals Quartett gespielt, das
schärfte die Sinne. Der Beamtenfurz, der diesen Quatsch genehmigt hat, den sollte man in die
Wüste schicken, ich komme mir gerade vor wie Indiana Jones in unerforschtem Gebiet, der
darauf wartet, dass eine Horde Wilder sich ihm in den Weg stellt ...“ Ich schimpfte wie ein
Rohrspatz und fand in letzter Sekunde, bevor das Event begann, den Raum.
Wie üblich bei derartigen Veranstaltungen, warum auch immer, blieb die erste Reihe unbesetzt,
was mich nicht daran hinderte, dort Platz zu nehmen. Unser Kursleiter Christoph eröffnete den
Abend, begrüßte die Teilnehmer und erklärte gut verständlich, was er unter kreativem Schreiben
verstand. Anschließend bat er um eine kurze Vorstellungsrunde. Als Erster stellte ich mich den
Anwesenden vor, sagte dass ich Rentner sei, zum wiederholten Male den Kurs besuche, weil
ich hier den Spaß am Schreiben für mich entdeckt habe. Der Nächste, der sich der Gruppe
bekannt machte, war Aldo. Ein Opernsänger und Schauspiellehrer mit einer Affinität zur
Literatur, schreibbegeistert und genau wie ich ein Wiederholungstäter. Wenn Aldo seine
Geschichten vortrug, hingen wir alle gebannt an seinen Lippen. Das lag vor allem an seiner
professionellen Art, mit seiner markanten Stimme vorzutragen, aber nicht zuletzt an seinen
interessant geschriebenen Texten. Dann stellte sich mit ein wenig Zurückhaltung, was sehr
angenehm bei mir ankam, Elvi vor. Sie wollte einfach nur mal ausprobieren, ob ihr das
Schreiben liegt und wohin der Weg sie führen wird. Dann war Usch an der Reihe. Ohne konkret
ihr Alter zu verraten sagte sie uns, dass sie vermutlich die älteste Kursteilnehmerin sei und sie
kleine Geschichten schreiben möchte, um sie ihren Freundinnen bei ihren regelmäßigen Treffen
vorzutragen. Ein toller und überraschender Ansatz, dachte ich. Die weiteren Teilnehmer waren
mir nicht mehr so sehr in Erinnerung, dass ich sie skizzieren könnte, sie haben den Kurs aus
persönlichen und nachvollziehbaren Gründen auch abgebrochen.
Die Zeit verging wie im Flug und zum Schluss gab Christoph uns als freiwillige Aufgabe mit nach
Hause, für das nächste Mal eine humorvolle Geschichte zu schreiben.
Eine Woche später trafen wir uns erneut. Das Labyrinth der Schulflure hatte ich immer noch
nicht durchschaut, konnte mich allerdings einer Kursteilnehmerin anschließen, die sich gut
auskannte. Ein Text nach dem anderen wurde vorgetragen, und ich konnte beobachten, dass
die Arbeiten unisono gut ankamen. Zum Schluss war Usch an der Reihe. Sie beschrieb in ihrer
Geschichte eine von ihr real erlebte Situation, in der ein junger Mann mit einer Behinderung,
ohne es zu wollen, durch sein Verhalten Verwirrung und Aufregung stiftete. Im Anschluss an
Uschs Vortrag fragte Christoph, wie er es bei allen anderen auch machte, was die Gruppe von
dem Text hielt. Allgemein fand der kreative Ansatz ihrer Geschichte eine positive Resonanz. Als
ich als Letzter nach meiner Meinung gefragt wurde sagte ich:
„Eine schöne Schreibübung.“
„Was heißt denn Schreibübung?“, reagierte Usch verärgert.
„Na ja, du hast gut formuliert, aber für mich war das nicht lustig“, entgegnete ich forsch. Das
hätte ich anders formulieren sollen, denn als Usch mich ansah, stellte ich sofort eine Parallele
zu Irenchen fest, die mich mit dem gleichen Blick strafte, wenn ich mich aus ihrer Sicht daneben
benommen hatte.
Zerknirscht und verärgert über meinen Fauxpas kam ich nach Hause. Meine Frau sah mir an,
dass etwas schief gelaufen war, und so musste ich in allen Einzelheiten von dem Abend
berichten und ich erzählte ihr auch, dass Usch einen Behinderten zur Hauptfigur ihrer Arbeit
machte.
„Irenchen, mal unter uns, es gehört sich doch nicht, einen bedauernswerten Menschen zum
Thema einer lustigen Geschichte zu machen.“
„Warum denn nicht? Hast du schon mal etwas von Inklusion gehört, davon dass Menschen mit
Beeinträchtigungen am Leben mit uns „Normalos“ teilhaben und integriert werden sollen? Diese
Gruppe gehört zu uns und ist eine Bereicherung für uns alle. Wo erlebst du heutzutage
Spontanität, wenn es darum geht seinen Mitmenschen auf ihre Art und Weise einen Gefallen zu
tun oder zu helfen? Wie sie es machen, steht auf einem ganz anderen Blatt und zählt auch
nicht. Wer zeigt noch offen, wenn er jemanden sympathisch findet? Wir trauen uns das nicht,
verstehst du, was ich meine? Dabei könnten wir von diesen Menschen so viel lernen. Hat nicht
einmal ein Minister sinngemäß gesagt, ich glaube, es war der Blüm: „Auch Behinderte haben
ein Recht darauf, respektvoll veralbert zu werden, erst dann gehören sie dazu.“ Denk mal
darüber nach.“
Irenchen hatte Recht und ich nahm mir vor, beim nächsten Kursabend meinen Kommentar zu
Uschs Text, ihr gegenüber richtigzustellen. Leider sollte es dazu nicht kommen. Beim nächsten
Kursabend war Usch nicht dabei, und ab der folgenden Woche fesselte mich ein Unfall ans Bett
und es dauerte viele Wochen, bis ich wieder halbwegs auf Krücken laufen konnte. Als wäre das
nicht genug, erwischte mich auch noch das vermaledeite Coronavirus, sodass ich den Kurs
abbrechen musste.
Liebe Usch,
Du feierst in diesem Jahr einen ganz besonderen Geburtstag, zu dem ich Dir meine herzlichsten
Glückwünsche auf diesem Weg überbringe. In unserer Gruppe kam die Idee auf, dass wir Dir zu
diesem Ehrentag eine kleine Sammlung selbst verfasster Texte widmen. Während ich
nachdachte, was ich für Dich schreiben könnte, fiel mir ein, dass ich immer wieder gerne daran
zurückdenke, wie unsere ersten Begegnungen abliefen. Vielleicht erinnerst Du Dich auch -
genau wie ich - mit einem Lächeln und einem guten Gefühl an diesen September im Jahr 2023.
Bleib, wie Du bist.
Frank
Alexander Kiefer
Ein kleiner Funken Hoffnung
Heute war mal wieder so ein Tag, der mich fast zum Verzweifeln gebracht hat. In der Schule lief
heut einfach alles schief, meine Lehrer stressten voll und in meiner Klasse ist Mobbing schon
regelrecht zum Alltag geworden. Die erwachsenen Menschen um mich herum unterhielten sich
sehr abfällig über Flüchtlinge und andere Verlierer des Systems, auf der Straße prügelten
Polizisten
auf Demonstranten ein, die Nachrichten berichteten ständig von Krieg, Mord und Ignoranz.
Überall scheinen sich Neid, Egoismus, Hass und Hoffnungslosigkeit breit zu machen und ich
frage mich, wo das alles hinführen sollte.
Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren. Es erscheint mir alles so sinnlos und
ungerecht. Meine Gedanken drehen sich und ich sehe keinen Ausweg. Zuhause fällt mir die
Decke auf den Kopf, also raus an die frische Luft. Ein Spaziergang wird mir sicherlich guttun
und mir dabei helfen, meine Gedanken zu ordnen. Also mache ich mich auf den Weg und
verlasse meine Wohnung. Ich schlendere völlig ziellos durch mein schönes, vornehmes
Wohnviertel. Irgendetwas bringt mich dazu einfach weiterzugehen, ich laufe immer weiter und
weiter, bis ich am Ende des Viertels angelangt bin. Am Stadtrand halte ich kurz inne und blicke
auf die unheimlich wirkende dunkle Landstraße, die von uralten, hohen ausladenden Bäumen
gesäumt war, welche in mehreren Kilometern Entfernung zu einem Tunnel zu verschmelzen
schienen. Hier war ich noch nie und aus irgendeinem Grund wirkte diese ganze Umgebung
völlig fremd und fast schon außerweltlich. Unsicher setzte ich einen Fuß vor den anderen und
folgte dem Feldweg der parallel zu der dunklen Landstraße verlief. Hinein in den vermeintlichen
Tunnel, dabei fragte ich mich mit jedem Schritt, wo es mich wohl hin verschlagen würde. Dieser
Tunnel schien mich auf eine magische Art und Weise anzuziehen, also hörte ich auf meine innere
Stimme und ging einfach weiter. Auf halber Strecke nahm ich auf einmal eine leise Melodie war,
die langsam den gesamten Blättertunnel auszufüllen schien. Meine Schritte wurden immer schneller,
ich näherte mich dem Ende des Tunnels und wurde plötzlich von einem hellen Licht geblendet.
Muss wohl ein vorbeifahrendes Fahrzeug gewesen sein – komisch, dabei habe ich keinerlei
Motorgeräusch wahrnehmen können. Meine Augen waren schon so sehr an die Dunkelheit
gewöhnt, dass das grelle Licht schon beinahe schmerzte, also torkelte ich für einige Minuten
blind geradeaus, bis ich zu einem alten heruntergekommenen Dorf angelangte. Von dort schien
auch die Musik zu kommen, die ich bereits aus der Ferne hörte. Mit jedem Schritt wurde die
Musik lauter, mein Blick klärte sich langsam wieder, ich blinzelte und stand vor einem schäbigen
Haus mit flackernder Leuchtreklame. Ich betrat den Eingang, indem ich einem rostigen
Geländer entlang folgte und viele flache Stufen zu einem Kellerraum hinabstieg.
Ich öffnete die schwere Tür und fand mich in einer wunderschönen, gemütlich eingerichteten
Bar wieder.
Die Wände waren mit dunklem Holz und bordeauxrotem Samt verkleidet, die alten Holzdielen
mit einem dunklen Teppichboden bedeckt. Es gab viele Nischen und Ecken, in denen Leute
saßen und nachdenkliche Blicke auf die Bühne am Ende des Raumes oder auf die vor ihnen liegenden
Kugeln warfen. Diese Kugeln faszinierten mich sehr, da sie ein sonderbares indirektes Licht abstrahlten,
welches den düsteren Raum in einen lagerfeuerartigen Glanz tauchte.
Die anwesenden Gäste schienen mich noch nicht einmal ansatzweise wahrzunehmen, ich kam
mir vor wie ein ferner Beobachter, wie ein Geist. Mein Blick wanderte zur Bühne am Ende
des großen höhlenartigen Raumes. Dort stand eine sehr interessante buntgemischte Band, die
sich aus Vertretern aller Kontinente, Kulturen und Religionen zusammensetzte. Mit einem
sanften, wissenden Lächeln schauten sie in die Menge und spielten mit einer anmutigen,
mühelosen Leichtigkeit auf ihren Instrumenten, so als ob die Musik, die sie dabei produzierten,
ein natürlicher, unbewusster Vorgang wäre, so wie das Pochen eines Herzens. Es schien aus ihrem
tiefsten Inneren zu kommen. Ich schloss meine Augen und gab mich dieser wunderschönen,
erhebenden Melodie hin, die mich sehr berührte und mich langsam aber sicher in eine Art
Trance versetzte. Der Rhythmus schoss durch meine Adern und ein warmes Gefühl von tiefer
Geborgenheit breitete sich in mir aus. Ich schien mit meiner Umgebung und der Melodie zu
verschmelzen. Mein Kopf nickte unbewusst im Takt, mein ganzer Körper entspannte sich und
die hässlichen Gedanken, die mich den ganzen Tag bereits beschäftigten, waren auf einmal
verschwunden. Ich war eins mit der Musik. Als ich die Augen wieder öffnete, stellte ich fest, dass
sich die anderen Menschen in dieser seltsamen Bar ebenfalls der magischen Melodie hingaben
und ihre Körper rhythmisch dazu bewegten. Ich blickte in sorgenfreie Gesichter und ließ mich
von der wohligen Atmosphäre, die mich umgab, anstecken. Das Lied schien kein Ende zu
nehmen, die Band und der begleitende Gospelchor spielten und sangen sich regelrecht in
Ekstase.
Auf einmal geschah etwas, das ich kaum in Worte fassen kann. Die Luft schien durch die Musik
und den Gesang wie elektrisch aufgeladen zu sein und mein Herz schien höher zu schlagen
und fast aus meiner Brust springen zu wollen. Die Menschen rückten langsam immer näher
zusammen, bis sich ihre Körper berührten. Sie alle hielten ihre Augen geschlossen, nickten
weiter mit dem Kopf und es war irgendwie so, als ob sie einem inneren Instinkt folgen würden,
als sie sich plötzlich an den Händen fassten und lächelten, um die Nähe des Anderen zu
spüren. Was geschah hier bloß?
Das Glühen der seltsamen Kugeln schien sich zu intensivieren. Erst jetzt bemerkte ich,
dass sich auch die Gäste der Bar, so wie die Band, aus allen Herren Länder zusammensetzte,
so als ob sie aus den entlegensten Ecken der Welt angereist waren, um sich hier zu
versammeln. Ein Gefühl von Einheit und Freude erfüllte meine Seele und ich hatte das Gefühl,
die Hoffnungen, Wünsche und Emotionen ja sogar die Gedanken der Anderen zu spüren. Alle
Zweifel die ich jemals über die Menschheit hatte, waren wie weggeblasen und ich gab mich
dieser schönen Melodie und diesem magischen Moment hin – jegliches Zeitgefühl war
verschwunden und es kam mir so vor, als ob mein ganzes Leben zu diesem einen Moment
hingeführt hätte. Alles ergab auf einmal Sinn.
Ich hoffte, dass dieser Moment nie aufhören würde. Langsam wurde die Musik jedoch immer
leiser, die Intensität der Leuchtkugeln nahm langsam ab und irgendeine Art Nebel schien sich in
der Bar auszubreiten. Er wurde immer dichter und dichter, bis ich die Menschen um mich herum nicht
mehr wahrnehmen konnte. Sie schienen zusammen mit der Musik im Nebel zu verschwinden. Dieses
wunderschöne Gefühl der Einheit und Geborgenheit ließ langsam aber sicher nach und erfüllte
mein gesamtes Wesen mit Wehmut. Der Nebel wurde so dicht, dass ich meine eigenen Hände nicht
mehr sehen konnte. Ein kurzes Gefühl der Panik überkam mich und ich öffnete meinen Mund zum
Schreien, bekam aber keinen Ton heraus. Ich war völlig desorientiert und plötzlich stellte ich mit
Erschrecken fest, dass ich wieder Zuhause war und aufrecht in meinem Bett saß. War das alles
etwa bloß ein Traum?
Ich sprang auf und lief Richtung Bad, um mich zu erfrischen, dabei stolperte ich über meine
Schuhe und stellte fest, dass sie von Schmutz behaftet waren, der eigentlich nur von meinem
gestrigen, seltsamen, mystisch anmutenden Spaziergang über den dunklen Feldweg stammen
konnte. Ich lächelte unwillkürlich und mit einem Mal spürte ich wieder dieses schöne Gefühl der
Einheit und der Geborgenheit und so startete ich in einen neuen Tag mit einem kleinen Funken
Hoffnung in die Menschheit.
Aldo Tiziani
Der 90. Geburtstag
Amanda Bleischütz, die immer noch resolute Seniorchefin der Bleischütz-Werke, stand am
Fenster. Trotz ihrer neunzig Jahre war sie noch immer fit – geistig wie körperlich. Vor fünfzig
Jahren hatte sie die Firma ihres durch einen Unfall verstorbenen Vaters übernommen. Niemand
hätte ihr damals zugetraut, dass der Betrieb, der damals fünfundzwanzig Mitarbeiter
beschäftigte, zu einem riesigen
Unternehmen heranwachsen würde. Heute zählte der Betrieb über tausend Angestellte, und das
alles unter dem Management der alten Bleischütz, wie sie ehrfürchtig hinter vorgehaltener Hand
genannt wurde. Sie bemerkte nicht, wie Selma Wagner die wichtigsten
Glückwunschtelegramme und Briefe auf einem Tablett ins Zimmer brachte.
„Das Frühstück wäre fertig“, flüsterte Selma. Im Hause Bleischütz sprach man nicht laut. Wenn
jemand die Stimme erhob, dann die Seniorchefin.
„Danke, Selma. Ich komme gleich. Noch ein paar Minuten.“ Amanda blieb mit ihrem Blick bei
den Bäumen, ohne sich um die Hausangestellte zu kümmern.
„Sehr wohl, Gnädigste.“ Selma zog sich kopfneigend zurück.
„Morgen steht also mein 90. Geburtstag an“, murmelte Amanda vor sich hin. Sie erwartete den
Tag mit gemischten Gefühlen. Einerseits genoss sie den großen Empfang, andererseits waren
da diese entsetzlichen Verpflichtungen, die den Jubeltag begleiteten. Die Honoratioren aus
Stadt und Land mussten hofiert werden, und sie war nun mal keine gute Gesellschafterin.
Draußen stand die mächtige Linde, genau so alt wie sie. Ihr Vater hatte sie am Tag ihrer Geburt
gepflanzt, und nun standen sie sich gegenüber, wie so oft in ihrem Leben. Es war ihr Baum, ihm
hatte sie als Kind und später als Unternehmerin alle Sorgen anvertraut. Nun ragte er weit über
das Dach hinaus und warf seinen kühlenden Schatten auf das Haus.
Sie drehte sich vom Fenster ab, war schon halb an der Tür, als sie das Tablett mit den
Glückwunschtelegrammen bemerkte. Erst stand sie unentschlossen vor dem Haufen Couverts,
dann griff sie kurzentschlossen hinein, holte eine Handvoll Briefe heraus und überflog mit
geübtem Blick die Absender. Bei einem blauen Couvert hielt sie inne. Armand. Sie öffnete hastig
den Umschlag, holte die Karte heraus.
„Ich gratuliere Dir von Herzen zu Deinem 90. Geburtstag, Armand.“ Seit Vaters Tod hatte
sie ihren jüngeren Bruder nicht mehr gesehen. Fünfzig Jahre waren vergangen. Er verschwand
nach der Beerdigung und hatte sich in Luft aufgelöst. Gemeinsam mit ihr sollte er die Firma
leiten, aber nach der Trauerfeier sagte er, dass er andere Pläne habe. „Ich wünsche Dir das
Glück, das Vater nie gehabt hat“, sagte er, bevor er ging.
Ein halbes Leben musste vergehen, bis zu dieser Karte. Sie betrachtete die mit schwarzer Tinte
auf blassblauem Papier gemalte Schrift. Große Bögen – er wollte immer groß hinaus. Plötzlich
beschlich sie ein Unbehagen. „Kommt er womöglich zur Geburtstagsfeier? Ich weiß nicht mehr,
wie Armand aussieht. Er wird ein alter Mann sein. Sie würde ihn vielleicht nicht wiedererkennen,
wenn er ihr die Hand zur Gratulation entgegenstrecken würde.“
„Frau Bleischütz!“, tönte es von unten herauf.
„Ich komme, Selma.“ Sie stieg die Treppe hinunter, jede Stufe knirschte. „Armand, Armand.“ Als
sie sich an den Tisch setzte und Selma ihr Kaffee einschenkte, blieb ihr Blick starr und ihre Gedanken
bei ihrem Bruder hängen.
„Armand“, der Name entglitt ihr über die Lippen.
„Ist Ihnen nicht gut, gnädige Frau?“, hörte sie Selma fragen.
„Was meinen Sie, Selma?“
„Ob Ihnen nicht gut ist. Sie haben eben einen Namen genannt. So kenne ich Sie gar nicht,
gnädige Frau.“
„Alles ist gut, Selma! Armand ist mein 13 Jahre jüngerer Bruder. Wir haben uns seit fünfzig
Jahren nicht mehr gesehen.“
„Das tut mir leid, Gnädige Frau.“
„Dazu besteht kein Anlass, Selma. Armand lebt sein Leben und ich meines. Wir waren uns nie
sehr nahe. Warum nur gratuliert mir mein Bruder zu meinem 90. Geburtstag? Nie hatte er mir
irgendeine Nachricht zukommen lassen. Jeder meiner Geburtstage ließ er kommentarlos
verstreichen, und ausgerechnet zu meinem 90. gratuliert er mir?“
„Vielleicht möchte er Sie einfach wiedersehen.“
